Collection 55: Das etwas andere Waffengeschäft in Berlin

Opas muffiger Waffenladen mit Hirschgeweih über der Kasse und Belehrungen im Kasernenton ist längst passé.
© Collection 55

15. Januar 2024

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Es tut sich was in der deutschen Waffenfachhandelswelt, nachvollziehbarerweise, denn die allgemein zunehmende Individualisierung der Gesellschaft ist ein Dauertrend und man ist klug beraten, sich als Waffenfachhändler nicht nur entsprechend darauf einzustellen, sondern die jeweiligen neuen Trends und Entwicklungen zu analysieren und sie sich gegebenenfalls zunutze zu machen. Nun sind manche Nischen schon besetzt oder zumindest hart umkämpft, doch es gibt inmitten der wilden individuellen Vielfalt immer noch genug Raum für eigene Ideen. Einen hierzulande eher selten vorzufindenden Ansatz hat Collection 55 aufgegriffen, ein Spin-off des Onlinehändlers Arms24 aus Thüringen. Collection 55, zentral gelegen in Berlin-Mitte, unweit der Friedrichstraße, ist – ungewöhnlich genug – ein Waffen-Flagship-Store mit zwei in dieser Kombination ebenso ungewöhnlichen Merkmalen: Luxus und Individualität. Das sind gleich drei Dinge auf einmal, die neugierig machen.

Der erste Eindruck

Die Lage von „Collection 55“ ist vielversprechend und zugleich ein erstes Statement, denn die Gegend ist für ihre hochpreisigen Geschäfte und repräsentativen Büros bekannt. Hier, soviel steht fest, meint man es ernst. Der Filialleiter Thomas Jester empfängt mich freundlich und überpünktlich und führt mich direkt zur opulenten Sitzecke, die einer Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels zur Ehre gereichen würde. Ich schaue auf hohe Regale mit Munitionsschachteln, hinter mir steht eine Selbstladebüchse von Heckler & Koch. Die Kunden werden jeweils einzeln empfangen, so die Idee, man widmet ihnen die volle Aufmerksamkeit, damit sie ihre Aufmerksamkeit auf Waffen und Munition richten können. Entscheidend ist damit der Unterschied zwischen Interesse und Neugier, was Laufkundschaft entsprechend ausschließt. „Mal gucken“ gehört nicht zum Konzept dieses Geschäfts. Hier treffen ernsthaft Interessierte auf Profis – und sonst niemanden. Das sorgt für eine diskrete, geradezu intime Atmosphäre, was beim Thema Waffen definitiv nicht das Schlechteste ist. Das kann zumindest jeder bestätigen, dessen persönliche Daten und Waffenwünsche schon mal in einem rappelvollen Ladengeschäft sehr wenig diskret von Mitarbeiter zu Mitarbeiter gebrüllt wurden. In diesem Geschäft, das ist sofort klar, wird nicht gebrüllt, gekalauert oder gekonnt weggeschaut, hier wird gefachsimpelt.

© Collection 55

Das Besondere suchen und finden

Nach wenigen Augenblicken kommt Philipp Stoltz, der Geschäftsführer, hinzu und erklärt mir ausführlich die Idee hinter seinem Projekt. Wir sprechen über die Veränderung des Handels, über Digitalisierung, Influencer, neue Themen, aber auch klassische Begehrlichkeiten wie den Wunsch nach Luxus, Individualität und Qualität. Herr Stoltz führt mich durch das Geschäft, welches aus der bereits erwähnten Sitzecke, einem Empfangsbereich, einem Bereich für Kleidung und Anprobe sowie einem begehbaren Waffenraum besteht. In diesem Gun Room präsentiert mir Philipp Stoltz eine prototypische Waffenauswahl: hochwertige Einzelstücke für Jäger auf der einen Seite, ausgewählte Sportwaffen von Glock und CZ auf der anderen. Prototypisch ist das Ganze nun deshalb, weil die Ausstellungsstücke im Waffenraum genau die Idee symbolisieren, die hinter diesem Flagship Store steckt: Luxus und Individualität. Letztere kann, aber sie muss nicht teuer sein. Stoltz versichert mir, dass auch der Kunde persönlich und umfassend betreut wird, der beispielsweise für seine Selbstladebüchse ein seltenes, aber nicht unbedingt luxuriöses Zweibein oder eine bisher nicht auf dem Zivilmarkt verkaufte, aber waffenrechtlich zulässige Optik erstehen möchte, jedoch mit seinen Bemühungen selbst nicht weiterkommt. Man sei eben für die Kunden da, die das Besondere kennen und suchen. Das kann teuer sein, aber wenn das gewünschte Zweibein nur 200 Euro kostet, sei das völlig in Ordnung, führt der Geschäftsführer aus. Der Preis sei nicht ausschlaggebend, das Ziel sei die Kundenzufriedenheit für die Zielgruppe, die Klasse statt Masse will. Kenner, Experten, echte Interessierte. Eben die, die auch keine Belehrung von Opa brauchen, sondern einen seriösen Dialog auf Augenhöhe suchen.

Fazit

Der Laden ist brandneu, noch sind nicht alle Regale gefüllt. Doch die bereits vorhandene Ausstattung und das Gespräch mit den beiden Herren zeigen deutlich die Stoßrichtung des Konzepts. Es fällt einem doch auf, wie wohltuend anders dieser Shop ist. Hier ist man als Kunde tatsächlich im besten Sinne König, weit und breit nichts als Ruhe, Diskretion und aufmerksame, sehr persönliche Betreuung. Nach dem ersten Besuch kann ich somit nur eines sagen: In einer perfekten Welt wäre dieser Ansatz der Standard. Dieses Konzept ist unterm Strich hochspannend, aber es hat freilich seinen Preis, wenn man sich den Aufwand, der hier betrieben wird, anschaut und es bleibt deshalb abzuwarten, wie es sich entwickeln wird. Im Idealfall wird dieser Flagship Store eine ganz besondere Nische nicht nur besetzen, sondern neu definieren.

www.arms24.de/collection55-luxuswaffen-accessoires

Über den Autor/in

Prof. Dr. Stephan Humer

Prof. Dr. Stephan Humer

… ist Professor in der digitalen Sicherheitsforschung an der Hochschule Fresenius Berlin und sozio-technischer Waffensachverständiger, d. h. interessiert an allen Themen rund um Schusswaffen und Gesellschaft. Er ist Gründungsvorsitzender (2013-2021) des Netzwerks Terrorismusforschung e. V. und dortiger Koordinator der Spitzenforschung. Außerdem ist er als Gutachter für Politik, Behörden und Unternehmen tätig.